Verzweigung

Lange keine neuen posts auf diesem blog? Das stimmt. Der Verfasser war zwischendurch schon wieder unterwegs. Darum hier ein kleines Intermezzo: Fahrradtour 2016 in Schleswig Holstein

Viel Vergnügen!

 

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Der achte Paladin

Ein neuer Paladin ist aufgetaucht. Es ist der alte Claude Lévi-Strauss, dessen Klassiker Traurige Tropen schon des wunderbaren Titels wegen einen vornehmen Platz in meiner Traum-Bibliothek einnimmt – ohne dass ich es, trotz mehrerer Anläufe, je geschafft hätte, bei der Lektüre über die ersten 50 Seiten hinauszukommen. Zu ausführlich, zu selbstverliebt, zu kolonialistisch – so schien er mir bislang. Was Selbststilisierung und Themensetzung betraf, ist mir Lévi-Strauss immer wie ein Ahnherr des wilden deutschen Regisseurs Werner Herzog vorgekommen.

Suhrkamp hat posthum späte Schriften von Lévi-Strauss, die sich mit Japan befassen, in einem schmalen Sammelband herausgegeben (Claude Lévi-Strauss: Die andere Seite des Mondes. Schriften über Japan.) Bemerkenswert, dass Lévi-Strauss sich erst im vorangeschrittenen Lebensalter (im 70. Lebensjahr) nach Japan begab und wohl auch erst zu diesem Zeitpunkt damit begann, sich systematischer mit Japan zu beschäftigen, jenem Land, das er freilich schon seit seiner frühsten Kindheit verehrte. Der Vater war Kunstmaler und teilte die zeitgenössische Faszination für alles Japanische, die im französischen Impressionismus ihren Höhepunkt fand. So kam Claude Lévi-Strauss in seiner Kindheit schon mit der Bilderwelt der japanischen Holzschnitte von Hokusai und Hiroshige in Berührung und er lebte förmlich in diesen Bildern wie in einem Guckkasten oder einer Fantasy-Landschaft, also etwa so, wie heutige Kinder in der Welt ihrer Manga-Helden leben mögen. Zusammenhängend hat er seine Japan-Erfahrungen nicht verarbeitet, aber in den teilweise an ephemeren Stellen veröffentlichten Texten zu Japan zeigt sich doch ein klares Bild und vor allem ein sehr in die Tiefe gehendes Verständnis der japanischen Kultur. Wobei er sich bewusst war, dass selbst ein lebenslanges Studium der japanischen Kultur „nicht zuviel wäre, um mit Sachkenntnis darüber sprechen zu können“ (14).

Anders als die anderen sieben Paladine ist Lévi-Strauss ein Autor, der sich von seiner Japan-Faszination nicht dazu verführen lässt, alles daran zu setzen, die Exotik dieses Landes in einer Bewegung des Abrückens auf zu Spitze zu treiben. Und wie recht er hat! Nicht, indem man es von sich wegrückt, macht man den Reiz dieses Landes verständlich, sondern indem man sich ihm mit offenem Auge und Ohr und Herz und Verstand zuwendet. – Obwohl beide Strukturalisten sind, ist Lévi-Strauss gegenüber einem so in der Wäsche gewaschenen Semiotiker wie Roland Barthes gewissermaßen in der Vorhand, denn sein Blickwinkel ist nie derjenige, der dem Land in seiner vermeintlichen Fremdheit qua Insellage als einem sozusagen unter Laborbedingungen synthetisierten Amalgam der Fremdheit – das „Reich der Zeichen“, von dem Barthes spricht –  begegnet; ganz im Gegenteil tut Lévi-Strauss das, was er als Mythologe und Anthropologe immer schon getan hat: Er stellt Verbindungen transkultureller Art her. Wie üblich zeigt sich darin auch, dass der Autor, auch der wissenschaftliche, mindestens ebensosehr von sich selbst spricht wie von dem Objekt, das den Gegenstand seines Vortrages bildet. So wird ihm Japan zum Land der großen Synthese, zum Land, das immer schon in der Lage war, Gegensätze nebeneinanderzustellen, zu amalgamieren und zu kompensieren.

Dass Geschichte und Mythologie in Japan nicht als fundamentaler Gegensatz betrachtet werden, sondern als potentiell gleichwertige Formen der Rückbezüglichkeit auf Vergangenes, scheint ihm bemerkenswert. Dabei spiele die konkrete Lokalisierung eines Ereignisses der Vergangenheit, sei es der historischen oder der mythologischen, in Japan nicht so sehr eine Rolle hinsichtlich der potentiellen Beweisbarkeit dieses Ereignisses. Vielmehr ergänze der Ort das betreffende Ereignis durch einen Zusatz an Bildlichkeit oder, wenn man so will, Lyrizität: In Japan „bereichern Stätten von unerreichter Herrlichkeit die Mythen, fügen ihnen eine ästhetische Dimension hinzu, die sie gegenwärtig und zugleich konkret werden läßt.“ An den heiligen Orten Japans herrsche, so Lévi-Strauss, „eine offen mythische Atmosphäre“ (20). Es ist also eine poetische Funktion, die dem Ort hier zugewiesen wird. Ein schöner Gedanke. Und gleichzeitig abermals Beweis der ungeheuren Freude an der Synthese, die Lévi-Strauss in den japanischen Geist, in das japanische Selbstverständnis hineininterpretiert: Aufgrund der (scheinbar) intakten Identifikation der Japaner mit ihren Traditionen, wirken diese Orte in seinen Augen um ein Vielfaches lebendiger, authentischer, sozusagen „alltäglicher“ als die Identifikationsorte des Abendlandes: „Der Kirishima-Berg [in Kyushu], wo Ninigo-no-mikoto vom Himmel herabstieg, der Ama-no-iwa-to-jinja gegenüber der Grotte, in der sich Ohirume, die Göttin Amaterasu, einschloß, haben in mir tiefere Gefühle ausgelöst als der mutmaßliche Standort des David-Tempels, die Grotte in Bethlehem, das Heilige Grab oder das Grab des Lazarus“ (19).

Angenehm auch die Tatsache, dass Lévi-Strauss am alten wissenschaftlichen Ideal festhält, gemäß dessen nur Informiertheit das Verstehen und Einschätzen des Fremden ermöglicht. Bitte nicht stehen bleiben vor der Glasfassade der eigenen Lust am Femden, die ja nichts anderes ist als ein Bildnis der eigenen Vorurteile. Stattdessen: Lernen, Sehen, Verstehen: der Sprache, der Schrift, der Musik, der Mythen, der Gebräuche, der Kunst – Verstehen, verstehen, verstehen. Rousseau ist ihm sein Gewährsmann. Indem sich Lévi-Strauss auf dessen Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen beruft, kann er Rousseaus im Jahre 1755 aufgestellte Forderung erneuern, sinngemäß: Wenn es darum ginge, eine Prioritätenliste hinsichtlich der dringlich zu erforschenden Kulturen der Welt aufzustellen, so müsste Japan dort an oberster Stelle stehen. In Deutschland hat vor allem der großartige Herder mit vergleichbarem Elan für die Erforschung des Fremden (anstelle von bewundernder Erstarrung vor dem Fremden) geworben – und er war, dies wiederum in Analogie zu Lévi-Strauss, dabei beseelt von der Idee der ganz großen Synthese, die sein Ideal der Humanität grundiert. In Herders Journal meiner Reise im Jahre 1769 wird dieses Programm in äußerst glühenden Worten verfochten: „Wieviel Zeitalter der Literatur mögen also verlebt sein, eher wir wissen und denken können ! Das Phönizische? oder das Ägyptische? das Chinesische? das Arabische? das Äthiopische? oder Nichts von Allem! so daß wir mit unserm Moses auf der rechten Stelle stehen ! Wieviel ist hier noch zu suchen und auszumachen! […] Welch ein Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religionen! und Chronologie und Polizei und Philosophie! Ägyptische Kunst und Philosophie und Polizei! Phönizische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles! Nordische Religion, Recht, Sitten, Krieg, Ehre! […] Chinesische, Japonische Politik! Naturlehre einer neuen Welt! Amerikanische Sitten usw. – – Großes Thema: das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis daß es alles geschehe! Bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen! Universalgeschichte der Bildung der Welt.“ – Angesichts der Großartigkeit des Themas, des stürmische Zeitgeistes und der Jugend des Autors scheint die Anzahl der Ausrufungszeichen durchaus angemessen (es sind noch viel, viel mehr Ausrufungszeichen, wenn man den gesamten Abschnitt liest) – und das Wort Bildung darf man hier durchaus im Doppelsinn verstehen!

Für Lévi-Strauss ist Japan zuallererst ein wichtiges Scharnier des mythologischen Weltbewusstseins. Nur in Japan, so Lévi-Strauss, und zwar in dessen frühesten mythografischen Texten, dem Kojiki (古事記 „Aufzeichnung alter Geschehnisse“) und dem Nihon-shoki (日本書紀, „Chronik Japans in einzelnen Schriften“) – beide aus dem 8. Jahrhundert – finden sich alle Elemente einer mythologische Sequenz vereint, die in Teilen sowohl in Indonesien als auch in indianischen Mythen Nordamerikas tradiert wird, nämlich die Geschichte von den zwei Brüdern, der eine Fischer, der andere Jäger, deren Fertigkeiten komplementär für die frühesten Kulturtechniken (Fischfang und Jagd) stehen und die versuchen, im Tausch von Pfeil und Bogen gegen den Angelhaken die Technik des jeweils anderen zu erlernen. Was scheitert. Die Sequenz ist wesentlich reicher und viel zu kompliziert, um sie hier zusammenzufassen. Wichtig daran ist auch weniger der konkrete Inhalt als vielmehr der durch vergleichende Analyse anzutretende Beweis, dass Japan ein Relais, aber auch eine Art „Filter“ (29) darstellt im Rahmen des Prozesses der mythologischen Selbstvergewisserung der Menschheit. Gewiss, Japan ist ein Inselreich, noch dazu am Rande Asiens gelegen, konfrontiert mit der unvorstellbaren Leere des Pazifiks im Osten, aber dennoch, bei aller Eigenständigkeit, ebensosehr ein Schmelztiegel prähistorischer Kulturen.

Und wo Europa mit dem Bekenntnis Descartes‘ das Ich und die kritische Vernunft ins Zentrum gesetzt hat, da erscheint die Schule des Empfindens, die sich in der japanischen Kultur so vorbildlich ausgeprägt hat, als bedeutsames Komplement. In Japan steht das Ich nicht im Zentrum der Welterfassung, es ist vielmehr Resultat einer Bewegung, die das Subjekt von außen konstruiert, als Resultat gleichsam bestimmter sozialer Funktionen und Handlungen, so jedenfalls die These von Lévi-Strauss. In Japan lernt man, das Außen zu würdigen, man lässt es in sich einströmen, man überlässt sich dem sinnlichen Eindruck. Und diese Haltung einer „beobachtenden Kunst“ (wenn man es so nennen will – der Begriff ist nicht von Lévi-Strauss) manifestiert sich in Kunststilen, bei denen die Beschränkung aufs Wesentliche im Vordergrund steht: die Reinheit der Linienführung in der japanischen Malerei etwa, die Isolierung des einzelnen Tones in der Musik oder die Unvermischtheit und Rohheit der Zutaten in der japanischen Küche.

Auch im Falle der japanischen Eigenart also geht der Blick von Lévi-Strauss über das bewundernde Verharren hinaus: Er fragt unmittelbar, welche Bereicherung eine solche kulturelle Eigentümlichkeit für die Gesamtheit der menschlichen Kultur darstellt. Synthese, oder besser: Integration ist auch hier das leitende Motiv der Argumentation. Und wohlgemerkt: Integration ist nicht etwa, wie uns heutzutage die Idioten glauben machen wollen, ein Unterwerfungsritual, sondern ganz im Gegenteil ein Prozess, der in beide Richtungen wirken muss. Zudem sollte Integration ein Prozess sein, der die jeweilige Leistung einer Kultur als das Besondere, das darin liegt, nicht nur anerkennt, sondern auch unbedingt bewahren will. Das ist nicht nur eine Frage des Respekts.

Im Angesicht eines dem Zerfall entgegentaumelnden Europa und angesichts der unglaublichen Kleingeistigkeit und Provinzialität, die die Grundlage dieser völlig falschen, im Wortsinn: pervertierten politischen Dynamik bilden, wünschte man sich einen modernen Herder oder noch besser einen modernen Rousseau, kraftvoll, sprachmächtig, geistig frei, damit man wieder Luft zum Atmen bekäme.

(Brecht hat irgendwo gesagt: „Wer A sagt, muss keineswegs B sagen. Er könnte auch erkennen, dass A falsch war.“ Man sollte den Briten diese Möglichkeit nicht verwehren…)

 

 

Hiroshima

Was ist das erste, was man tut, wenn man wieder in Berlin ist? Ich fahre zum Zeughauskino. Es läuft ein schon zehn Jahre alter Film mit Helge Schneider: JAZZ CLUB. Durch die Annenstraße kommend geht es mit dem Fahrrad Richtung Breite Straße. Wo man früher noch bis zum Dom schauen konnte, versperrt neuerdings protzend der Rohbau des rekonstruierten Berliner Stadtschlosses die Sicht. Während meiner Abwesenheit hat man die Eisenträger der Schlosskuppel aufgerichtet. In diesem vorläufigen Zustand erinnert der Anblick fatal an die Reste der Kuppel der ehemaligen Ausstellungshalle für Industriegüter der Präfektur Hiroshima, jenes Gebäude, dessen skelettierte Fassade in unserem Gedächtnis unmittelbar und unauflöslich mit dem Bild der Stadt Hiroshima verbunden ist.

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Um die größtmögliche Wirkkraft einer Atombombe zu erreichen, muss die Sprengung ca. 600 Meter über dem Zielort erfolgen. Ein Höhenmesser löst den Zünder, sobald die vorgesehene Höhe über dem Erdboden erreicht ist. Der Zündimpuls bewirkt, dass eine mit Uran-235 gefüllte Kapsel in eine speziell präparierte Kugel geschossen wird, in der sich ebenfalls spaltbares Material befindet. Das Zusammentreffen löst die Kettenreaktion von Kernspaltungen aus, die in Sekundenbruchteilen eine unvorstellbare Menge an Energie freisetzt. In 600 Metern Höhe entsteht ein Feuerball von ca. 180 Metern (!) Durchmesser mit einer Innentemperatur von über einer Million Grad Celsius. Dieser Feuerball ist jener „Glanz von tausend Sonnen“, den Robert Oppenheimer gesehen hatte, als die erste Testbombe in der Wüste von New Mexico gezündet worden war. Völlig sinnentstellend aus Krishnas Monolog in der Bhagavad-Gita zitierend, sah sich Oppenheimer als in den Status der Göttlichkeit entrücktes Wesen, denn durch diesen Glanz von tausend Sonnen war er der Tod selbst geworden, der Zerstörer von Welten.

Feuerball

Das auf den ersten Blick beeindruckendste Exponat im Museum im Friedenspark von Hiroshima ist ein Modell der Stadt, über dem eine rote Kugel an einem Nylonfaden hängt. Diese harmlose Kugel stellt jenen Feuerball von mehreren Hunderttausend Grad Celsius Hitze dar, der in Sekunde 1 nach der Zündung entstand. Es ist, als wäre hier die Zeit angehalten worden. So muss sich Oppenheimer gefühlt haben: gott-ähnlich: eine Art Urknall auslösend: Erschaffer und Zerstörer von Welten. Das also ist die Situation in Minute 1 nach der Zündung der Bombe: Eine gigantische Druckwelle und dann ein riesiger Feuersturm, der alles Leben im Umkreis von 2,5 Kilometern direkt verbrennt und der dafür sorgt, dass noch 10 Kilometer vom Zentrum der Zündung entfernt die Bäume wie aus dem Nichts in Flammen aufgehen. Die biblisch überhöhte Selbststilisierung des Wissenschaftlers ist ein poetischer Deckmantel für den schlichten Tatbestand eines gigantischen Kriegsverbrechens, das die Amerikaner 20 Jahre später in Vietnam und Laos gleich nochmal, wenn auch mit anderen Mitteln, wiederholt haben: Massenmord an Zivilisten im Interesse einer totalen Demoralisierung des Gegners, gegebenenfalls auch durch Völkermord (Stichwort „Bodycount“). Heute bedienen sich Organisationen wie der IS derselben Strategie und plötzlich heißt das Ganze Terror.

Hiroshima war ein Experiment. Offenbar deshalb wurde diese Hafenstadt, die der Hauptverschiffungshafen für die japanische Kriegsflotte gewesen war, so überraschend lange geschont, als die Amerikaner schon längst alle anderen Großstädte Japans mit Bombenteppichen eingedeckt hatten. Was war das Besondere an Hiroshima? Es war eine Stadt auf flachem Grund, der kaum Bodenerhebungen aufwies, relativ kreisförmig in der Anlage. Sorgfältig waren mögliche Ziele für den ersten Einsatz einer Atombombe unter realen Bedingungen geprüft worden. Kyoto hätte sich angeboten, denn auch diese Stadt liegt in einer flachen Ebene, die erst am äußersten Rand durch eine fast kreisförmige Bergkette begrenzt wird. In Japan vermutet man, dass Kyoto als oberstes Ziel auf der Liste möglicher Abwurforte für die Bombe gestanden hat, dass die Amerikaner aber angesichts der strategischen Bedeutung Japans im zukünftigen Kampf gegen den Kommunismus davon absahen, diesen Schlag auf das kulturelle Zentrum des Landes zu führen und damit gleichsam das Herz der japanischen Identität zu treffen. Hiroshima aber bot ebenfalls vergleichsweise ideale Bedingungen und lag zudem auch flugtechnisch noch etwas günstiger. In Nagasaki waren die Verhältnisse übrigens weit weniger ideal: Die Stadt ist von parallel verlaufenden Bergrücken durchzogen, besteht also aus mehreren Tälern, so dass die Wirkkraft der Bombe sich nicht in Zirkelform, sondern eher wie in einer Röhre durch eines dieser Täler ausbreitete.

Atomic Bomb Dome

Atomic Bomb Dome 2

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Zurück zur Ausstellungshalle für Industriegüter der Präfektur Hiroshima. Das Gebäude wurde nach Plänen des tschechischen Architekten Jan Letzel erbaut und 1915 fertiggestellt. Man erkennt die zeittypischen Jugendstilelemente in der Fassadengestaltung, wie sie sich in vielen Einkaufspassagen und Konsumtempeln finden, die im frühen 20. Jahrhundert errichtet wurden. Eine Architektur, die bis zu einem gewissen Grad sakrale Formsprache adaptiert, wobei sehr folgerichtig diese Formen aus dem religiösen Kontext in die Welt des Konsums überführt werden. Eine Kuppel, die das Heiligste überwölbt: Die Maschinen als Grundlage der Produktion und damit der Akkumulation von Kapital. Diese Kuppel lag in direkter vertikaler Linie unterhalb des Zündungspunktes der Bombe, jener Blechtonne von der Größe eines gewöhnlichen Sarges. Offenbar hatte diese besondere Lage des Gebäudes im Verhältnis zum Detonationszentrum zur Folge, dass die Halle der Wirkkraft der Bombe, zumindest was die Druckwelle betrifft, nicht in demselben Maße ausgesetzt war wie alle anderen Bauten im Stadtkern von Hiroshima. So blieb das Gebäude relativ unversehrt.

Man hat nach dem Krieg alle Spuren der Vernichtung beseitigt und die Stadt wiederaufgebaut. Lange war es umstritten, ob überhaupt irgendein Gebäude als „Zeuge“ des Ereignisses erhalten werden sollte, aber am Ende entschied man sich, die ehemalige Ausstellungshalle zu erhalten und gegenüber dieser Ruine – sie liegt direkt am Ufer eines der 6 Flussarme des Ota-Flusses, die die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchziehen – einen weitläufigen Friedenspark zu errichten. Das Gebäude wurde also zum „Friedensdom“ umgewidmet – offiziell heißt es heute schlicht „Atombombenkuppel“. Abermals erwiesen sich die architektonischen Anleihen beim Sakralbau als praktisch: Sie erlauben eine zwanglose Resakralisierung des Gebäudes im Geiste einer völlig unpolitisch gedachten „Friedensreligion“, deren Zentrum der Friedenspark von Hiroshima bildet. Ist eigentlich schon einmal bemerkt worden, welch entscheidenden Beitrag Letzels  architektonische Formensprache für die heutigen Signifikanz dieses Monuments leistet? Bereits die Ausstellungshalle sah wie eine Kirche aus, und als zentrales Element eines Gedenkmonuments dient die Kuppel heutigentags der Reauratisierung des Gebäudes. Entsprechend einfach die Assoziation von Stadtschlosskuppel und Atombombenkuppel. Das Stadtschloss ließe sich ebenfalls nahtlos in ein Gedenkmonument umwidmen, man müsste es dazu gar nicht erst fertigbauen.

Atomic Bomb Dome Schild

Bei unserer Ankunft wartet die Stadt aber zunächst mit einer gestalterischen Eigenwilligkeit der besonderen Art auf: Vor dem Bahnhof steht ein chromglänzender Brunnen in Pilzform. In Hiroshima haben die für Kunst im öffentlichen Raum zuständigen Behörden offenbar einen sehr speziellen Sinn für Humor.

Brunnen

Das Wetter war hervorragend, als wir mittags, von Onomichi kommend, Hiroshima erreichten: Südlich-sommerliche Temperaturen und blauer Himmel. Hiroshima ist eine schöne Stadt, nicht so hektisch wie die anderen Metropolen Japans. Sie erinnert an süditalienische Großstädte. Eine fast altertümlich wirkende Tram durchquert auf breiten Boulevards in atemberaubend langsamem Tempo die Stadt.

Hiroshima Tram 2

Bevor wir uns zum Friedenspark aufmachen, führt mich Tatsuma zunächst in eine kleine Kochbude in der Nähe des Bahnhofs, wo es Okonomiyaki zu essen gibt. Okonomiyaki gibt es überall in Japan, aber in Osaka und Hiroshima gilt es als besondere Spezialität. In Hiroshima brät man zunächst eine Art Crêpe und parallel dazu Yakisoba (Nudeln) an, dann werden die Nudeln auf die Teig-Oblate gelegt und darauf kommt ein Spiegelei sowie noch diverse andere Ingredienzien. Schließlich wird alles mit einer Art Bügeleisen (einem runden Eisengewicht) beschwert, um das Ganze in eine relativ flache Pfannkuchenform zu bringen. Der Laden ist eine winzig kleine Baracke mit einer voluminösen Edelstahlplatte, auf der gekocht wird. Man sitzt direkt an der Platte – es gibt nur 10 Plätze – und der Koch, der zugleich Wirt ist, schiebt die jeweils fertigen Okonomiyaki-Fladen einfach zu den Gästen rüber, die den Fladen dann mit Hilfe eines kleinen Schieberchens direkt von der Stahlplatte weg verspeisen. Da frisch zubereitet wird, muss man warten. Dürre alte Männlein schauen gelegentlich unter den Vorhängen am Eingang durch und bestellen schonmal eine halbe Stunde im voraus, damit sie später nicht so lange warten müssen. Alte Männer haben nie Zeit.

Okonomiya 1

Okonomiya

Nach dem Essen fahren wir mit der unendlich langsamen Straßenbahn über Brücken und Straßen Richtung Friedenspark. Dort herrscht großer Betrieb. Die Schulklassen, die ich schon im Toshugu in Nikko und später wieder im Todaiji in Nara getroffen habe, sind nun auch alle am selben Tag wie wir in Hiroshima angekommen. Ich hätte sowieso angenommen, dass eigentlich jeder japanische Schüler einmal im Leben nach Hiroshima verfrachtet wird, aber so ist es offenbar nicht. Tatsuma jedenfalls ist zum ersten Mal hier. Manche Schüler dürfen frei umhersträunen, andere werden gezwungen, sich in Reih und Glied vor dem Monument für die durch die Bombe getöteten Kinder aufzustellen und ein sentimentales Friedenslied zu singen. Sie wirken teilnahmslos. Für die frei umhersträunenden Schüler ist die Friedensglocke die größte Attraktion, die daher im Dauereinsatz ist. Schon von weitem hört man den tiefen Gong-Ton, der im Sekundentakt durch die Anlage dröhnt. Ein an der Glocke angebrachtes Schild bittet darum, das preziose Instrument sanft zu behandeln und den Knüppel nicht mit zu viel Kraft zu betätigen, aber die Kinder halten sich nicht daran, denn dies ist natürlich den größte Spaß: mit aller Gewalt den Klöppel gegen die Glockenwand zu schlagen, so dass der Ton möglichst klangvoll wird. So ist der Park auf seine Weise auch ein fröhlicher Ort, was natürlich unbedingt zu begrüßen ist. Am unteren Rand der Glocke erkenne ich eine Inschrift in Devanagari-Zeichen. Des großen Andrangs wegen bleibt aber keine Zeit, sie näher zu betrachten oder gegebenenfalls abzuzeichnen. Es wird vermutlich ein in Sanskrit geschriebener Text  sein. So erfahre ich nicht, ob die Glocke mit dieser Inschrift eine Art Antwort gibt auf die biblischen Anmaßungen des Herrn Oppenheimer, die sich ja ebenfalls auf einen ursprünglich in Sanskrit verfassten Text bezogen.

Schüler im Friedenspark

Schüler Friedensglocke
Friedensglocke und gelbe Mützen

Anschließend geht es in das von Kenzo Tange, Japans Star-Architekten der 60er und 70er Jahre, im Geiste von Le Corbusier entworfene Friedensmuseum. Es befindet sich am Südende des Parks und hat die Form eines großen flachen Quaders. Schön ist die umständliche Erläuterung, warum das in einer entlegenen Nische des Eingangsbereichs befindliche Trinkwasserbecken kein Wasser liefert:

Out of service

Der Museumsbau ist klug konzipiert, die Ausstellung aber kann ich zunächst schwer einschätzen. Die Konzeption ist vermutlich schon Jahrzehnte alt und wirkt daher, was die Präsentation betrifft, etwas schulmeisterlich und altbacken. Ein meterhoch vergrößertes Foto des Atompilzes empfängt einen am Eingang, bevor es durch mehrere Räume Richtung Ausgang geht, wo ein ebenfalls meterhoch vergrößertes Foto die ersten Gräser zeigt, die unmittelbar nach dem Atomschlag im Bereich des Epizentrums sofort wieder zu wachsen begannen. Angeblich ging es mit dem Wachsen neuen Lebens in der Atomwüste deshalb so schnell, weil jahrhundertelang eingekapselte Planzensamen durch die Hitzewelle plötzlich aus ihre Hüllen befreit wurden und dann sofort zu sprießen begannen. Gleich hinterm Eingang ein in Form eines Dioramas gestaltetes dreidimensionales Bild fliehender Kinder, denen die Haut vom Leib fällt. Es handelt sich um lebensgroße Wachspuppen, die wie Schaufensterpuppen aussehen, in einem theatralischen Schaubild gruppiert, wie man es aus Naturkundemuseen ebenso wie aus Geisterbahnen kennt. Ohne Schockeffekt geht es offenbar nicht. Als zentrale Objekte werden Habseligkeiten von Bombenopfern ausgestellt, die in den Tagen unmittelbar nach dem Atomschlag in der Schutt- und Aschewüste Hiroshimas gefunden wurden. Auratische Objekte, jedes Träger einer eigenen traurigen Geschichte, wie etwa jene aus Aluminium gefertigte Butterbrotdose eines Schulkindes, deren Inhalt zu Kohlenstaub geworden war. Dazu Kleidungsstücke, Taschen usw. Die Ausstellung ist ganz offenkundig auf Kinder als Opfer fokussiert. Kinder und Jugendliche waren in den letzten Tagen des Krieges dazu verpflichtet worden, dabei zu helfen, Schneisen in die Stadt zu schlagen, zum Zwecke der Brandeindämmung bei möglichen Napalmangriffen. Deshalb befanden sich zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs offenbar besonders viele Kinder und Jugendliche im Stadtzentrum. Kinder aber sind auch der kleinste gemeinsame Nenner in Bezug auf die Unschuldigkeit der Opfer. Denn die Erinnerung, die hier zelebriert wird, muss „rein“ sein – die Opfer möglichst schuldlos. Politik wird in dieser Ausstellung energisch ausgeklammert.

Ich frage Tatsuma, was er von der Ausstellung hält – er findet sie gut. Dass jeder politische Kontext fehlt, stört ihn nicht. Und richtigerweise wäre es wohl auch ein Ding der Unmöglichkeit, wollte man an diesem Ort versuchen, die höchst komplizierten Zusammenhänge, die zum Atombombenabwurf führten, zu erläutern. Allerdings bleibt dadurch auch ein unangenehmer Beigeschmack. Dies ist also der Minimalkonsens der Erinnerung: Die armen unschuldigen Kinder. —-

Atombombenmuseum
Friedensmuseum im Friedenspark, eigentlich eher ein „Atombombenmuseum“

In der Markthalle IX in Berlin-Kreuzberg, wo sich unter anderem der ALDI-Supermarkt befindet, in dem ich fast täglich einkaufen gehe, gibt es ein zum kostenlosen Lektüretausch bestimmtes Bücherregal, aus dem man sich Bücher gratis mitnehmen kann. In diesem Regal finde ich kurz nach meiner Rückkehr aus Japan die Taschenbuchausgabe von Robert Jungks STRAHLEN AUS DER ASCHE. Das Buch fällt mir auf, als ich vom Einkaufen komme, weil das Regal direkt gegenüber vom Eingang zu ALDI steht. Es fällt mir aber vor allem deshalb auf, weil exakt dieselbe Ausgabe in einer Vitrine im Atombombenmuseum in Hiroshima lag, in dem Bereich, der sich ausführlich dem Schicksal des Mädchens Sadako Sasaki widmet.

Als Spätfolge der Verstrahlung – sie war zum Zeitpunkt des Bombenaburfs zweieinhalb Jahre alt – erkrankte Sadako im Alter von elf Jahren an Leukämie. Der alten japanischen Tradition zufolge, gemäß derer das Falten von 1000 Papierkranichen die Erfüllung eines Wunsches ermögliche, begann das Mädchen Kraniche zu falten, Ausdruck ihrer Hoffnungen und ihres Überlebenswillens. Das Mädchen starb. Die Geschichte wurde aufgegriffen und zu einem Medienereignis. Neben dem Bild der Atombombenkuppel gehört Sadakos Geschichte heute zu den wesentlichen Bestandteilen der Zeremonialisierung des Erinnerns in Hiroshima – und der gefaltete Kranich ist ihr Emblem. Im Museum sind einige der von Sadako gefalteten Kraniche ausgestellt. Sie sind teilweise mikroskopisch klein, aus hauchdünnem Japanpapier gefertigt. Offenbar suchte Sadako, je länger sie faltete, die Schwierigkeit zu erhöhen und brachte immer delikatere kleine Kunstwerke zustande. Sadakos Wunsch wurde nicht erhört, der Kranich jedoch wurde fortan zum zentralen Symbol des Hiroshima-Marketings und des Hiroshima-Kults. Ich kritisiere das nicht – es ist ein starkes Symbol. Wie die Geschichte Sadakos in die Welt getragen wurde, dokumentiert eine Vitrine, in der diverse Publikationen nicht-japanischer Autoren über Hiroshima präsentiert werden. Darunter das Buch von Jungk.

Nun hat also eine fremde Hand mir dieses Buch vor die Tür von Aldi gelegt. Ich nehme es mit und beginne darin zu lesen. Die Geschichte Sadakos kommt nur ganz am Rande vor – und Jungk erzählt sie auch ganz anders als sie im Museum dargestellt wird. Laut Jungk scheiterte Sadako beim Falten des 644sten Kranichs. Das Museum berichtet hingegen, Sadako habe die Zahl 1000 bei weitem übertroffen und bis zu ihrem Tode immer weiter gefaltet. Natürlich ist der Unterschied völlig unerheblich, die Geschichte braucht angesichts von Sadakos qualvollem Tod keiner weiteren sentimentalen Effekte, etwa des vermeintlichen Scheiterns. Trotz dieser kleinen Ungenauigkeit, die auch dem frühen Datum seiner Publikation geschuldet sein dürfte – das Buch erschien ja schon 1959, also gerade einmal vier Jahre nach Sadakos Tod – erweist sich STRAHLEN AUS DER ASCHE, je länger ich lese, als ein starkes und vor allem sehr gut geschriebenes Buch, eine Art Langzeit-Reportage, basierend auf der erinnernden Rekonstruktionen der damaligen Geschehnisse durch Zeitzeugen, die Jungk in großer Zahl befragt hat. Eine literarische Form, wie sie heute nur noch selten geschrieben wird. Jungk hatte in den 50er Jahren, nachdem er bereits ausführlich über die Entwicklung der Atombombe publiziert hatte, sein Augenmerk auf Hiroshima gelenkt, und als einer der ersten hat er die Zeit NACH dem Bombenabwurf beschrieben. Beim Namen Jungk dachte ich an die frühen 1980er Jahre, an Friedensmärsche und Kirchentage, an Mutlangen und an die spezifisch messianisch geprägten Friedensbotschaften, die man in diesen Jahren verbreitete. Der allgemeine Tonfall der damaligen Friedensbewegung klingt in meiner Erinnerung immer ein wenig unangenehm nach Kirchenkanzel und Katheder – weltfremd und von oben herab gesprochen. Aber Jungk ist gar nicht so. Er erweist sich als freier und gut beobachtender Geist, allerdings mit leichtem Hang zum pathetischen Effekt. Wenn man sich von der nachträglichen Kontextualisierung löst, findet man ein Buch, das sich stellenweise wie ein Roman von Wolfgang Koeppen liest.

Hiroshima

Matsuri Kids in Kimonos

Kimono

Abends gehen Tatsuma und ich in die Stadt, um noch ein Bier zu trinken und etwas zu essen. Sofort fällt die große Zahl kimonotragender Jugendlicher auf. Dass die jungen Leute sich gerne mal festlich kleiden, habe ich schon an den Wochenenden in Kyoto und Tokyo bemerkt, aber hier übersteigt die Zahl die der Gelegenheitskimonoträger aus anderen Städten bei weitem. Hinzu kommt eine auffällige Buntheit der Frisuren, die nicht ganz zur traditionellen Kleidung passen will, denn normalerweise tragen Frauen zum Kimono streng frisiertes und äußerst akkurat hochgestecktes Haar. Hier aber, in downtown Hiroshima dominieren gefärbte Strähnchen, wilde Mähnen, toupiertes, zerzaustes und buntes Haar. Der Grund: Ein Matsuri, ein lokales Schreinfest, und die damit einhergehende Ausgelassenheit. Buden mit Snacks und Süßwaren säumen die Straßen des Viertels, man lärmt und lacht und trinkt und tanzt.

Unvermeidlich überblendet man in der Wahrnehmung Gegenwart und Vergangenheit, wenn man in Hiroshima ist. „Drei Tage lang wurde gesungen, getanzt, getrunken. Es gab Maskenbälle, Umzüge, Feuerwerk. Lärm erfüllte die Straßen von morgens früh bis in die Nacht hinein.“ So beschreibt Robert Jungk in seinem Buch die Feierlichkeiten, die am 6. August 1947, dem zweiten Jahrestag des Atombombenabwurfs, in den Ruinen von Hiroshima stattfanden, und er zitiert aus einem zeitgenössischen Bericht in der Lokalzeitung Chugoku Shinbun: „Um die Mittagszeit waren mindestens fünfmal mehr Menschen auf den Straßen als gewöhnlich. Und die Kaufleute in den Geschäftsstraßen sagten sich:  ‚Jetzt geht’s ans verdienen!‘ Sie hängten Laternen auf mit der Ankündigung: Friedens-Gelegenheitskäufe. Die jungen Verkäufer schwitzten vor Anstrengung und sagten: ‚Wir nehmen dreimal soviel ein als an normalen Tagen…‘ Bis ans Ende dieser Sommernacht wurde getanzt.“

Auf dem Schreingelände stehen ebenfalls Buden, zum Teil werden Omikujis verkauft, zum Teil gibt es Lotterielose zu ziehen, wie auf einem Jahrmarkt üblich, und alle Anwohner des Viertels müssen mindestens einmal am heutigen Tag am Heiligtum vorbeiziehen und sich verneigen. Entsprechend groß ist das Gedränge. Tatsuma möchte unbedingt ein Los kaufen und er gewinnt, zum Preis von 300 Yen (2,50 Euro), eine große Pappschachtel voller Wunderkerzen und Mini-Bengalos, die wir später an einer versteckten Stelle des Ota-Flusses in der Dunkelheit abbrennen, weil wir wohl schlecht mit solchem Feuerwerk in unserer traditionell aus Holz und Strohmatten gebauten Bleibe übernachten können, wo an jeder Ecke ein Feuerlöscher steht.

Matsuri Tanz

Matsuri Lampions 2

 

Matsuri

Losbude

Losbude 2
Losbude

Onomichi – Katzen, Friedhöfe und der (fast) einsamste Bahnhof Japans

Eigentlich schreibe ich diesen Beitrag nur wegen des schönen Fotos mit dem Ausblick auf die Inlandsee, das ich am Morgen nach der Fahrradtour in Onomichi gemacht habe und das unbedingt in diesen Blog gehört.

Aussicht

Onomichi hat gut 130000 Einwohner, wirkt aber im Zentrum höchst kleinstädtisch. Als Hafen zwar schon seit rund 1000 Jahren in Betrieb, genießt Onomichi gerade einmal seit 1898 Stadtrecht. Ein Bergzug trennt den zur Inlandsee gelegenen Stadtkern von der wesentlich flächengreifenderen Neustadt Shin-Onomichi. Wir übernachten in einem westlich gestylten Hotel, das im Erdgeschoss über eine Brasserie verfügt und dessen graumelierter Empfangsportier in seiner Livree eine mottenkugelhafte Distinktion verströmt, die nach verblichenem französischen Flair riecht. Im Hotel gibt es ein kleines Badehaus, das auch für externe Gäste zur Verfügung steht. Auf den an den Wänden des Badehauses befestigten Verbotsschildern wird darauf hingewiesen, dass tätowierten Gästen der Zutritt untersagt ist. Das ist durchaus üblich in Japan, denn Tätowierungen werden dort mit der Zugehörigket zur Unterwelt gleichgesetzt. Die Yakuzas, die Angehörigen der japanischen Mafia, tragen Tätowierungen, bei denen es sich oft um hochkomplexe Gemälde handelt, die sich monumental über Rücken, Gesäß und Schenkel erstrecken. Essen und Trinken ist auch verboten. Am schönsten aber das folgende Verbot: „Shooting is not allowed in the bathhouse“. Gemeint ist natürlich das Schießen von Fotos.

Onomichi 3
Im Zentrum von Onomichi: Mauern – und dahinter: Friedhöfe

Onomichi 2

Onomichi Fußgängerzone
Eine andere Art von Friedhof: Einkaufspassage im Stadtzentrum
Onomichi Bilder an Kneipenwand
Von Gästen gemalte Bilder in einem Imbiss
Alien mit Violine
Schaufenster in Onomichi: Alien mit Violine

Ansonsten ist Onomichi eine Stadt, die offenbar nur aus Tempeln, Treppen und Friedhöfen besteht. Oberhalb der Regionalbahnlinie, die die direkt am Wasser liegenden Viertel vom Rest der Stadt abschneidet, so dass sie wie ein schmales Tuch zwischen Wasser und Schiene eingeklemmt sind, zieht sich die Stadt am Hang hinauf, was zu vielen winkligen Gassen und Treppen führt, die um Mauern herumgeschlungen sind, hinter denen wir immer nur Grabsteine erspähen. Katzen huschen durch nächtliches Zwielicht.

Onomichi

Onomichi 5

Aussichtsturm

Aussichtspunkt mit Katzendeko
Aussichtsplattform mit Katzen-Deko für romantische Erinnerungsfotos

Aussicht 2

Am nächsten Morgen lassen wir uns Zeit auf dem Weg zum Bahnhof von Shin-Onomichi, wo der Shinkansen nach Hiroshima hält. Wir nehmen die Seilbahn auf den Berg hinauf, genießen dort Ausblick und Eiscreme und laufen dann nördlich den Hang hinunter in die Neustadt hinein. Dort befindet sich der Shinkansen-Bahnhof, also der Bahnhof, an dem die Hochgeschwindigkeitszüge halten. Warum ausgerechnet Onomichi in den Genuss einer solchen Bahnstation gekommen ist, ist unklar. Es halten auch beileibe nicht alle Shinkansen hier, nur sehr ausgewählte Züge auf der Strecke Osaka-Hiroshima, jede Stunde einer. Alle anderen brausen durch. Wenn man bedenkt, dass der Shinkansen zwischen Tokyo und Kyoto praktisch im 5-Minuten-Takt verkehrt, ist diese Frequenz schon ein Ausweis der potentiellen Vergessenheit der Bahnstation Shin-Onomichi.

Der Bahnhof, als wir ihn schließlich erreichen, ist tatsächlich ein höchst leerer Ort, durch den der Wind pfeift. Man kann vom Bahnsteig aus nach rechts und nach links gucken und man sieht… nichts. Tatsuma guckt im Internet nach: Obwohl dies nun wirklich wie der gottverlassenste und sinnloseste Bahnhof für einen Hochgeschwindigkeitszug wirkt, gibt es tatsächlich irgendwo im Norden von Honshu einen noch einsameren Bahnhof, und zwar auf der Shinkansen-Strecke zwischen Tokyo und Hakodate (Hokkaido). Dort steigen täglich lediglich 68 Passagiere ein, hier in Shin-Onomichi sind es immerhin rund 100.

Weg nach Shin-Onomichi 1
Weg Richtung Sin-Onomichi

Weg nach Shin-Onomichi 2

Weg nach Shin-Onomichi 3

Weg nach Shin-Onomichi 4

Bahnhof Shin-Onomichi
Im Bahnhof von Shin-Onomichi
Bahnhof Shin-Onomichi rechts
Shinkansen-Bahnhof von Shin-Onomichi: Blick nach rechts
Bahnhof Shin-Onomichi links
Shinkansen-Bahnhof von Shin-Onomichi: Blick nach links
Weg nach Hiroshima
Auf dem Weg nach Hiroshima

Unterwegs queren wir eine weitere Besonderheit des ländlichen Japan: Einen Reis-Automaten, an dem man sich gegen Münzeinwurf Reis abfüllen kann. Die Maschine schält auch die Reiskörner, die Spelzen fallen in einen Sack unterhalb des Ausgabebereiches und dürfen gratis mitgenommen werden.

Reisautomat
Reis-Automat: „Coin Excellent Rice“

Reisautomat 1

Reisautomat 2

 

Shimanami Kaido

Mein erster Eindruck war richtig: In Japan reisen die Geister mit dem Zug. Die Eisenbahn ist die Seele Japans. Und der JR Railpass ist so etwas wie die Generaleinladung an den ausländischen Besucher, mitten ins Herz Japans zu gelangen. Trotzdem waren wir mit dem Fahrrad unterwegs.

Ich greife jetzt einfach mal vor und überspringe die Stationen Kyoto, Nara, Tokyo und Yokohama. Am 2. 6. haben Tatsuma und ich den Shimanami Kaido bewältigt – 70 Kilometer mit dem Fahrrad über einige der längsten Hängebrücken der Welt, über 6 Inseln und vor allem von Shikoku nach Honshu, also von der viertgrößten der japanischen Hauptinsel auf die größte. Aus der Präfektur Ehime in die Präfektur Hiroshima.

Eine gute Gelegenheit zur Wiederholung des bereits gelernten Wortschatzes: Do = Weg, Kai = Meer (wie in Tokaido = Ostmeerstraße). Neu dazu kommt das Wort shima = Insel. Im Japanischen wird nicht zwischen Singular und Plural unterschieden – in diesem Fall also eher: Inseln. Nami = „Welle“, aber auch: „Reihe“, und im übertragenen Sinn auch: „Gesamtschau, Panorama“.  Der Name Shimanami ist daher in gewissem Sinne ein Wortspiel, denn mit nami könnte sowohl die Tatsache gemeint sein, dass der Weg über eine ganze Reihe von Inseln führt, aber zugleich könnte damit auch auf die wellenförmige Bewegung des Weges angespielt werden, der über diverse Brücken führt.

Das Wetter war perfekt, was ein großes Glück war, denn in Tokyo war es unbeständig und jetzt, Anfang Juni, kündigt sich die Regenzeit in Japan an. Wie alles in Japan ist auch die Fahrradtour perfekt durchorganisiert, was überhaupt kein Mangel ist, sondern ein echter Vorteil. Auf der Shikoku-Seite, in der Nähe des Ortes Imabari, am Fuß der Kurushima-kaikyo Brücke, hat man ein höchst funktionales Terminalgebäude errichtet, das sowohl als Hotel für die Fahrradreisenden dient als auch als Leihstation für wirklich gut in Schuss gehaltene Tourenräder. Mechaniker patroullieren gewissermaßen tagsüber entlang der Strecke, so dass bei Pannen eingegriffen werden kann. Wer aufgibt, kann sein Fahrrad jederzeit an einer der Stationen am Weg abgeben und den Bus nehmen.  Es gibt Stationen mit Luftpumpen und zum Auffüllen von Wasserflaschen, Rasthäuser am Weg und natürlich gute Markierungsstreifen auf der Straße. Außerdem hat man für die Radfahrer an den Brücken eigene Rampen errichtet, so dass die Steigungen jeweils sehr gefällig sind, zum Teil sind das sehr aufwändige Konstruktionen, die über eigene Betonstelzen geführt sind. Die Zimmer im Terminal sind großräumig und alle mit einem riesigen Panoramafenster, von dem man auf die Brücke schaut. So hat man gleich beim Aufwachen das Ziel vor Augen. Wo den Wanderer der Berg ruft, da ruft hier den Fahrradfahrer der stahltrossenbewehrte Asphaltbogen. Das Frühstück im Hotel ist äußerst schmackhaft und alles ist überraschend günstig – für das Zimmer zahlen wir gerade einmal 25 Euro pro Person.

Bleibt das Problem mit dem Gepäck. Auch dafür ist gesorgt. Man kann es vom Terminal aus zur Zielstation schicken. Das ist aber für Tatsuma und mich nicht nötig, denn wir reisen im Moment beide nur mit ganz leichtem Gepäck. Den großen schweren Rucksack habe ich bereits von Yokohama aus per Kurierservice nach Hiroshima vorausgeschickt. So fährt es sich ganz unbeschwert. Und das Fahrrad gibt man einfach auf der anderen Seite, im Ort Onomichi ab. Kostet dann allerdings nochmal 8,50 Euro extra. Das ist es allemal wert.

Die sogenannte Inlandsee, also das Meer zwischen Honshu und Shikoku, hat schon Kipling auf seiner Schiffahrt von Nagasaki nach Kobe bewundert, die Schiffspassage war so etwas wie seine Japan-Initiation. Und er machte keinen Hehl aus seiner Faszination. Das geradezu anmutige Zusammenspiel von glatter Meeresoberfläche und sanft geschwungenen Inselrücken, mit Booten dazwischen wie aus einem Spiezeugkasten, kann problemlos mit so berühmten Landschaften wie etwa der Halongbay in Vietnam konkurrieren. Nur ist hier eben alles in sich ruhend, geradezu gartenhaft. Die Inseln wirken eher wie Tupfer, wo die schroffen Zacken der Schieferfelsen in der Halongbay Ausrufungszeichen setzen. Irgendwann hat Kipling sich satt gesehen und zieht sich unter Deck zurück. Zuviel Schönheit ist einfach nicht zu ertragen.

Die Gegend ums Inlandmeer hat mediterranen Charme. Orangen- und Zitronenhaine am Wegesrand. Frischer Fisch auf dem Teller. Palmen. Gerade wurden die Zitrusfrüchte geerntet und überall entlang des Weges stehen sie in großen Zubern zum Verkauf. Dicke, knollige Zitronen, wie ich sie sonst nur aus Griechenland kenne. Die mediterrane Atmosphäre setzt sich übrigens auch an der Südküste Honshus fort. Auch Hiroshima hat südliches Flair. Dazu später mehr.

Den Rest erzählen die Bilder.

erste Brücke
der morgendliche Blick aus dem Fenster
Frühstück
Frühstück
Tatsuma und Riksha
Tatsuma und Riksha

Die Räder

erste Brücke 4

erste Brücke 3

Zwischenstopp

zweite Brücke
Hakata-Oshima Brücke
erste Rast
erste Rast

zweite Brücke 2

 

dritte Brücke

Mittagessen
Mittagessen
frischer Fisch fürs Restaurant
Hier kommt der Fisch aus riesigen Becken direkt auf den Tisch

Mittagspause

Mittagspause 2

Mittagspause 4
Mittagspause
Mittagspause 3
Mittagspause 🙂

Palmen

Tatara Brisge
Tatara Brücke
Brücken
Rampen für Fahrräder

Markierungen

Zitrusfrüchte

Uferweg

Uferweg 2

Kurve

Schiffe

Hafen

Inselmenschen - Puppen

Dorfszene

Die letzte Brücke
Innoshima Brücke
Fähre
Fähre nach Onomichi (für die letzte Etappe nimmt man das Boot)

Onomichi

Geschafft

Ankunft in Onomichi

Onomichi 3
Onomichi
Onomichi 2
Onomichi hat auch eine kleine Burg
Mein Diplom
Der Beweis, dass ich es geschafft habe: Mein Shimanami Kaido Diplom
Ghibli überall
Überall Ghibli-Fans, überall Totoro, überall Gespenster

 

Kanazawa

18. 5. – Überall Schwertlilien in Japan – vielleicht ist die Schwertlilie die bevorzugte Pflanze für den Mai. Aber nirgendwo sah ich so viele Schwertlilien wie in Kanazawa. Im Kenrokuen Park sind sie in regelrechten Armeen aufmarschiert, je zwei Divisionen Seite an Seite entlang künstlicher Seeufer und an den Ufern der künstlichen Bächlein, über die sich die Zweige knorpeliger Zierpflaumen biegen. Auf Gärten verstehen sich die Japaner, kein Zweifel. Der kleine Garten im Samuraihaus in Nagamachi – und der große Konrokuen gegenüber der Burg von Kanazawa, der eine weit ausufernde Parklandschaft darstellt.

Gestern nachmittag bin ich in Kanazawa angekommen, und die Abendsonne leuchtete über dem alten Samuraiviertel von Nagamachi, wo sich die Villa der Familie Nomura befindet. Der Reiseführer stellt lapidar fest: „Dieses Haus wartet mit einem ansprechenden Ziergarten auf.“ Das „Journal of Japanese Gardening“ zeigt sich enthusiastischer und wertet diesen Garten als den drittschönsten Garten einer Privatvilla in ganz Japan (Platz 2: Katsura-Villa in Kyoto, Platz 1: Adachi Art Museum bei Matsue). Und Kaiser Akihito ist auch schon hier gewesen, wie einige Fotografien am Eingang beweisen. Ich habe nicht viel Ahnung von Gartenkunst, aber das Abendlicht war perfekt, da der Garten im Westen nur von einer kleinen Mauer begrenzt wird (das Haus grenzt von Norden und Osten an den Gartenbereich). In der Tat ist es ein kleiner Garten, der eine Fläche von gerade einmal 10 auf 20 Meter umfasst (nach meiner Schätzung). „Reizend“ wäre auf jeden Fall eine falsche Umschreibung. Halbkugelförmiger Büsche und Zwergkiefern mit bizarr sich windenden Ästen sind in einem idealen Verhältnis zueinander gesetzt, Moos bedeckt Stein, Wasser plätschert und tropft dazwischen, Steine markieren die Andeutung eines Weges, Karpfen schwimmen in einem Teich, und alles ist in wohlgestalteter Harmonie gesetzt wie die Register einer Orgel. Die späte Uhrzeit ist nicht nur des Lichtes wegen von Vorteil, sondern auch in Bezug auf die Besuchermassen – da der Garten um 17:30 schließt und bereits ab 17 Uhr keine neuen Besucher mehr hereingelassen werden, leert sich das Gelände zusehends. Ein Moment der Ruhe bleibt, dann geht es wieder hinaus in die Gassen des alten Samuraiviertels. Im Westen wird das Viertel Nagamachi vom Saigawa-Fluss begrenzt, eindeutig ein Fluss, der im Frühjahr Schmelzwasser aus den nahegelegenen Bergen der japanischen Alpen ins Tal führt und dann enorm anschwellen dürfte. Davon zeugen die breiten Wiesen unterhalb der Uferbefestigung. Jetzt, im Mai, ist der Saigawa ein murmelndes Bächlein, und auf den Überschwemmungswiesen kann man den Tag wunderbar ausklingen lassen.

Villa Nomura 3

Villa Nomura

Villa Nomura 4

Villa Nomura 6

Ausladend, üppig, riesig im Vergleich zum Garten der Nomura-Villa ist der Kenrokuen, ein Park, den sich die Fürsten von Kanazawa direkt gegenüber ihrer Festung auf dem zentral im Ort gelegenen Burgberg anlegen ließen. Hier sind tausende von Pinien auf das pittoreskeste angeordnet, knotige Zweige ragen über Teiche, in denen künstliche Felsen ruhen, die mit Moos bewachsen sind. Dazwischen Steinlaternen, geschwungene Brücken – das ganze Ensemble der typischen Versatzstücke eines japanischen Gartens, die man erwartet. Der große Garten ist ebenso eine Kunst wie der kleine, aber der kleine bezaubert, wo der große beeindrucken will. Eindrucksvoll  ist, wie nicht nur dem Auge eine Fülle von Impressionen aus Licht und Formen geboten wird, sondern wie geschickt auch die Klänge gesteuert werden, die den Garten erfüllen. Wo ein Bach rauscht, wo ein kleiner Wasserfall plätschert, oder wo Stille herrscht – die Sinne werden mit Klängen aus Grün, Gelb und Grau betäubt, und schon versinke ich wieder in einen opiatischen Traum.

 

Kenrokuen 4

Kenrokuen 9

Kenrokuen 7

Kenrokuen

Aber zuviel Schönheit ist nicht zu ertragen, und wie das Moos die Schritte dämpft und unser Gewicht abfedert und dadurch gleichsam verschluckt, so scheint auch die Farbe von Moos unseren Blick zu dämpfen und allmählich zu verschlucken. Plötzlich sehnt sich das Auge nach Blau, Silber und Chrom, und nach spiegelnden Oberflächen. Glücklich die Stadt Kanazawa, die auch in diesem Fall das richtige Komplement zur Verfügung stellt. Auf der Westseite der Innenstadt liegt der mit großer Geste entworfene Bahnhof, ein lichtdurchflutetes Gewölbe aus Metallstreben und Glas, mit zwei sozusagen im Zustande der Zersplitterung erstarrten Holzsäulen davor. Auf der Ostseite der Stadt (und dies mag kein Zufall sein), liegt zum einen das Museum der Kunst des 21. Jahrhunderts, ein kreisrunder, ganz flacher Glaszylinder, innen von quadratischen Räumen zerteilt, deren Grundriss sich in aus dem Dach kragenden kubischen Elementen fortsetzt, und unweit davon, das Museum zu Ehren und Gedenken des Zen-Meisters Daisetsu Teitaro Suzuki, ein formal perfekt gestaltetes Ensemble aus Wasser, Sichtbeton und Holz, das im wesentlichen aus zwei ineinandergesetzten Quadraten komponiert ist: das eine Quadrat ein wassergefülltes Bassin, in dem sich Himmel, Sonne und Teile des Gebäudes spiegeln, und innerhalb dieses Bassins ein zweites Quadrat, wie eine Insel, zu der ein Steg führt, darauf ein würfelförmiger Turm, mit geöffneten Schiebtüren zu allen vier Seiten, in welchem sich nichts befindet als ein durchbrochenes Quadrat, das aus wiederum quadratisch geformen Sitztischchen gebildet wird, die mit Tatami-Material ausgepolstert sind. Dieser Kern des Gebäudes ist umgeben von umlaufenden Galerien und mauerartigen Sichtblenden sowie auf zwei Seiten von länglichen Gebäudeteilen, in denen sich eine rudimentäre Ausstellung zur Person Suzukis und ein Leseraum befinden. Da Zen lehrt, dass nichts gilt, also auch nichts zu verneinen oder bejahen ist, dass es keines Gottes bedarf, aber dennoch einer existieren könnte (was dennoch völlig unerheblich wäre), dass ebensowenig Verstandestätigkeit in irgendeiner Weise zu höherem Verständnis der Welt noch zu spiritueller Erleuchtung führen wird, weder Kritik noch begründendes Denken auf dem spirituellen Weg eine Hilfe sein können, wahrscheinlich noch nicht mal Krücken, da also all dies unerheblich ist, bleibt am Ende nur das Sein selbst als Quelle der Erleuchtung. Der Besucher, dem es gefällt, mag sich in den quadratischen Raum setzen und sich mit NICHTS belohnen – und nach soviel japanischer Verzierungskunst, wie ich sie in den letzten Tagen sehen durfte, ist das Auge dafür über alle Maßen dankbar.

Suzuki 1a

Suzuki 9

Suzuki 2

In unregelmäßigen Abständen wird offenbar an einer bestimmten Stelle des Bassins ein kleiner Luftstoß ausgelöst, der zu einer ganz schwachen Wellenbewegung führt, Wellen, die sich kreisförmig über die Oberfläche ausbreiten. In diesen Momenten, da die Oberfläche sich kräuselt, zeichnet sich ganz schwach auf den Granitquadern gegenüber des Kontemplationsturms die Reflexion dieser Wellen ab, vielfach gebrochen durch die rauhe Oberfläche des Steins. Man muss sehr aufmerksam schauen, um es zu bemerken, aber diese kleine Verspieltheit hat man sich bei aller Strenge des ästhetischen Ansatzes offenbar nicht versagen wollen.

Das Gebäude ist ausgesprochen maßvoll und harmonisch komponiert, mit kleinen Details, Durchbrüchen, einem Säulenpaar, einer Bank an der jeweils richtigen Stelle, um nicht das Gefühl eintöniger Symmetrie aufkommen zu lassen. Die Proportionen sind zutiefst human. Und je länger ich so sitze, desto offensichtlicher scheint mir, dass diese hypermoderne Bau nichts anderes ist als eine moderne Variante des klassischen japanischen Gartens, wie ich ihn gestern im Haus der Familie Nomura und vorgestern in Tsumago betrachtet habe. Alle Elemente sind wieder da: Steg, Brücke und Insel, der Pool, die Mäuerchen, die über die Mäuerchen reichenden Zweige grüner Bäume. Hier, in der modernen Variante, ist die Rückführung all dieser Prinzipien auf ihre Kernaussage gelungen, und der Verzicht auf jegliche gebogene Form gibt dem Auge Halt und Ruhe.

Suzuki 3

Suzuki 8

Suzukui 4

Suzuki 5

Kanazawa hat noch mehr zu bieten. Es gibt zwei ehemalige Vergnügungsviertel zu besichtigen, die berüchtigten Quartiere der Edo-Zeit, in denen das Bürgertum sich bei Kabuki-Theater und Sake mit den Geishas vergnügte. Diese Vergnügungsviertel waren konzessioniert und wurden zumeist in klar abgegrenzte Bezirke verlegt. Typischerweise liegen sie hinter einer Brücke, die aus dem Stadtzentrum heraus über einen Fluss führt. Dort drüben, auf der anderen Seite, beginnt die Halbwelt mit ihren sinnlichen Versuchungen. Alles ist äußerst akkurat hergerichtet, mal wieder zu perfekt, als dass es wirklich einen lebendigen Eindruck vermitteln könnte. Vergangenes wird hier so sehr in den Modus des Musealen überführt, dass es nur noch als bloßes Zitat, nicht aber als Zeugnis zu wirken vermag. Ich kann mir an diesen Orten wenig vorstellen. Sie wirken wie Kulissen für Filme. Allerdings ist es möglich, dass das Kulissenhafte genau ein Attribut dieser Orte von jeher war: In einem Land der Papierwände und Schiebetüren ist jedes Dekor in gewisser Weise ein Zitat. So bleibt von der damaligen Atmosphäre nichts übrig, sie könnte nur aus sich selbst heraus wirken.

Hayashi chaya

Hayashi chaya 5

Hayashi chaya 3

In der Nähe eines dieser Viertel, im Higashi Chaya, saß ich morgens um 9 neben dem Torii eines buddhistischen Tempels in der herrlich klaren Morgensonne, ganz allein, niemand war da mit Ausnahme eines Straßenkehrers, der sich langsam über den Platz vor dem Tempel bewegte und der mir dann später noch mehrmals über den Weg lief. Im Tempel hatte ich ein Omikuchi gezogen, ein kleines gefaltetes Papierbriefchen, das vor dem Heiligtum in einem Kästchen liegt, das wie eine Lostrommel aussieht – man wirft 50 Yen in ein anderes Holzkästlein und zieht eines der Briefchen heraus. Ich falte das Briefchen auf und schicke, weil natürlich alles auf japanisch geschrieben ist, ein Foto des Textes an Tatsuma mit der Bitte um Übersetzung. Es kommt die erfreuliche Nachricht zurück, dass mir Daikichi (großes Glück) verheißen wurde. Ich wage nicht, daran zu zweifeln.

Straßenkehrer

Omikichi 1

Omikicji 2

Merkwürdigkeiten aus dem Kombini (Teil 1)

Wenn man in Japan in einem der vielen Convenient-Stores (z. B. 7 Eleven, Family Mart, Lawson usw. – die Japaner nennen diese Läden „Kombini“, bei uns würden sie „Kiosk“ oder „Spätkauf“ oder „Tanke“ heißen) alkoholische Getränke kauft, erscheint auf dem Display der Registrierkasse ein Schild, auf dem eine Frage bezüglich der Volljährigkeit des Käufers steht. Natürlich nur auf Japanisch. Man muss dann die Taste „Hai“ はい (= Ja) drücken, um den Kauf genehmigen zu lassen. Es geht bei diesem Ritual weniger darum, wahrheitsgetreu Auskunft über sein tatsächliches Alter zu geben, sondern vielmehr darum, dem Geschäft eine Art Dispens zu erteilen. Der Ablasshandel ist hier also in gewissem Sinne so einfach wie in der katholischen Kirche.

Im Falle eines Ausländers hat das Drücken der はい-Taste noch eine zweite Bedeutung  Mit „Hai“ bestätigt der Bierdosen kaufende Gaijin (westliche Ausländer), dass er verstanden hat – wenn auch vielleicht nicht die Frage, so doch zumindest das „System“.