Der achte Paladin

Ein neuer Paladin ist aufgetaucht. Es ist der alte Claude Lévi-Strauss, dessen Klassiker Traurige Tropen schon des wunderbaren Titels wegen einen vornehmen Platz in meiner Traum-Bibliothek einnimmt – ohne dass ich es, trotz mehrerer Anläufe, je geschafft hätte, bei der Lektüre über die ersten 50 Seiten hinauszukommen. Zu ausführlich, zu selbstverliebt, zu kolonialistisch – so schien er mir bislang. Was Selbststilisierung und Themensetzung betraf, ist mir Lévi-Strauss immer wie ein Ahnherr des wilden deutschen Regisseurs Werner Herzog vorgekommen.

Suhrkamp hat posthum späte Schriften von Lévi-Strauss, die sich mit Japan befassen, in einem schmalen Sammelband herausgegeben (Claude Lévi-Strauss: Die andere Seite des Mondes. Schriften über Japan.) Bemerkenswert, dass Lévi-Strauss sich erst im vorangeschrittenen Lebensalter (im 70. Lebensjahr) nach Japan begab und wohl auch erst zu diesem Zeitpunkt damit begann, sich systematischer mit Japan zu beschäftigen, jenem Land, das er freilich schon seit seiner frühsten Kindheit verehrte. Der Vater war Kunstmaler und teilte die zeitgenössische Faszination für alles Japanische, die im französischen Impressionismus ihren Höhepunkt fand. So kam Claude Lévi-Strauss in seiner Kindheit schon mit der Bilderwelt der japanischen Holzschnitte von Hokusai und Hiroshige in Berührung und er lebte förmlich in diesen Bildern wie in einem Guckkasten oder einer Fantasy-Landschaft, also etwa so, wie heutige Kinder in der Welt ihrer Manga-Helden leben mögen. Zusammenhängend hat er seine Japan-Erfahrungen nicht verarbeitet, aber in den teilweise an ephemeren Stellen veröffentlichten Texten zu Japan zeigt sich doch ein klares Bild und vor allem ein sehr in die Tiefe gehendes Verständnis der japanischen Kultur. Wobei er sich bewusst war, dass selbst ein lebenslanges Studium der japanischen Kultur „nicht zuviel wäre, um mit Sachkenntnis darüber sprechen zu können“ (14).

Anders als die anderen sieben Paladine ist Lévi-Strauss ein Autor, der sich von seiner Japan-Faszination nicht dazu verführen lässt, alles daran zu setzen, die Exotik dieses Landes in einer Bewegung des Abrückens auf zu Spitze zu treiben. Und wie recht er hat! Nicht, indem man es von sich wegrückt, macht man den Reiz dieses Landes verständlich, sondern indem man sich ihm mit offenem Auge und Ohr und Herz und Verstand zuwendet. – Obwohl beide Strukturalisten sind, ist Lévi-Strauss gegenüber einem so in der Wäsche gewaschenen Semiotiker wie Roland Barthes gewissermaßen in der Vorhand, denn sein Blickwinkel ist nie derjenige, der dem Land in seiner vermeintlichen Fremdheit qua Insellage als einem sozusagen unter Laborbedingungen synthetisierten Amalgam der Fremdheit – das „Reich der Zeichen“, von dem Barthes spricht –  begegnet; ganz im Gegenteil tut Lévi-Strauss das, was er als Mythologe und Anthropologe immer schon getan hat: Er stellt Verbindungen transkultureller Art her. Wie üblich zeigt sich darin auch, dass der Autor, auch der wissenschaftliche, mindestens ebensosehr von sich selbst spricht wie von dem Objekt, das den Gegenstand seines Vortrages bildet. So wird ihm Japan zum Land der großen Synthese, zum Land, das immer schon in der Lage war, Gegensätze nebeneinanderzustellen, zu amalgamieren und zu kompensieren.

Dass Geschichte und Mythologie in Japan nicht als fundamentaler Gegensatz betrachtet werden, sondern als potentiell gleichwertige Formen der Rückbezüglichkeit auf Vergangenes, scheint ihm bemerkenswert. Dabei spiele die konkrete Lokalisierung eines Ereignisses der Vergangenheit, sei es der historischen oder der mythologischen, in Japan nicht so sehr eine Rolle hinsichtlich der potentiellen Beweisbarkeit dieses Ereignisses. Vielmehr ergänze der Ort das betreffende Ereignis durch einen Zusatz an Bildlichkeit oder, wenn man so will, Lyrizität: In Japan „bereichern Stätten von unerreichter Herrlichkeit die Mythen, fügen ihnen eine ästhetische Dimension hinzu, die sie gegenwärtig und zugleich konkret werden läßt.“ An den heiligen Orten Japans herrsche, so Lévi-Strauss, „eine offen mythische Atmosphäre“ (20). Es ist also eine poetische Funktion, die dem Ort hier zugewiesen wird. Ein schöner Gedanke. Und gleichzeitig abermals Beweis der ungeheuren Freude an der Synthese, die Lévi-Strauss in den japanischen Geist, in das japanische Selbstverständnis hineininterpretiert: Aufgrund der (scheinbar) intakten Identifikation der Japaner mit ihren Traditionen, wirken diese Orte in seinen Augen um ein Vielfaches lebendiger, authentischer, sozusagen „alltäglicher“ als die Identifikationsorte des Abendlandes: „Der Kirishima-Berg [in Kyushu], wo Ninigo-no-mikoto vom Himmel herabstieg, der Ama-no-iwa-to-jinja gegenüber der Grotte, in der sich Ohirume, die Göttin Amaterasu, einschloß, haben in mir tiefere Gefühle ausgelöst als der mutmaßliche Standort des David-Tempels, die Grotte in Bethlehem, das Heilige Grab oder das Grab des Lazarus“ (19).

Angenehm auch die Tatsache, dass Lévi-Strauss am alten wissenschaftlichen Ideal festhält, gemäß dessen nur Informiertheit das Verstehen und Einschätzen des Fremden ermöglicht. Bitte nicht stehen bleiben vor der Glasfassade der eigenen Lust am Femden, die ja nichts anderes ist als ein Bildnis der eigenen Vorurteile. Stattdessen: Lernen, Sehen, Verstehen: der Sprache, der Schrift, der Musik, der Mythen, der Gebräuche, der Kunst – Verstehen, verstehen, verstehen. Rousseau ist ihm sein Gewährsmann. Indem sich Lévi-Strauss auf dessen Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen beruft, kann er Rousseaus im Jahre 1755 aufgestellte Forderung erneuern, sinngemäß: Wenn es darum ginge, eine Prioritätenliste hinsichtlich der dringlich zu erforschenden Kulturen der Welt aufzustellen, so müsste Japan dort an oberster Stelle stehen. In Deutschland hat vor allem der großartige Herder mit vergleichbarem Elan für die Erforschung des Fremden (anstelle von bewundernder Erstarrung vor dem Fremden) geworben – und er war, dies wiederum in Analogie zu Lévi-Strauss, dabei beseelt von der Idee der ganz großen Synthese, die sein Ideal der Humanität grundiert. In Herders Journal meiner Reise im Jahre 1769 wird dieses Programm in äußerst glühenden Worten verfochten: „Wieviel Zeitalter der Literatur mögen also verlebt sein, eher wir wissen und denken können ! Das Phönizische? oder das Ägyptische? das Chinesische? das Arabische? das Äthiopische? oder Nichts von Allem! so daß wir mit unserm Moses auf der rechten Stelle stehen ! Wieviel ist hier noch zu suchen und auszumachen! […] Welch ein Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religionen! und Chronologie und Polizei und Philosophie! Ägyptische Kunst und Philosophie und Polizei! Phönizische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles! Nordische Religion, Recht, Sitten, Krieg, Ehre! […] Chinesische, Japonische Politik! Naturlehre einer neuen Welt! Amerikanische Sitten usw. – – Großes Thema: das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis daß es alles geschehe! Bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen! Universalgeschichte der Bildung der Welt.“ – Angesichts der Großartigkeit des Themas, des stürmische Zeitgeistes und der Jugend des Autors scheint die Anzahl der Ausrufungszeichen durchaus angemessen (es sind noch viel, viel mehr Ausrufungszeichen, wenn man den gesamten Abschnitt liest) – und das Wort Bildung darf man hier durchaus im Doppelsinn verstehen!

Für Lévi-Strauss ist Japan zuallererst ein wichtiges Scharnier des mythologischen Weltbewusstseins. Nur in Japan, so Lévi-Strauss, und zwar in dessen frühesten mythografischen Texten, dem Kojiki (古事記 „Aufzeichnung alter Geschehnisse“) und dem Nihon-shoki (日本書紀, „Chronik Japans in einzelnen Schriften“) – beide aus dem 8. Jahrhundert – finden sich alle Elemente einer mythologische Sequenz vereint, die in Teilen sowohl in Indonesien als auch in indianischen Mythen Nordamerikas tradiert wird, nämlich die Geschichte von den zwei Brüdern, der eine Fischer, der andere Jäger, deren Fertigkeiten komplementär für die frühesten Kulturtechniken (Fischfang und Jagd) stehen und die versuchen, im Tausch von Pfeil und Bogen gegen den Angelhaken die Technik des jeweils anderen zu erlernen. Was scheitert. Die Sequenz ist wesentlich reicher und viel zu kompliziert, um sie hier zusammenzufassen. Wichtig daran ist auch weniger der konkrete Inhalt als vielmehr der durch vergleichende Analyse anzutretende Beweis, dass Japan ein Relais, aber auch eine Art „Filter“ (29) darstellt im Rahmen des Prozesses der mythologischen Selbstvergewisserung der Menschheit. Gewiss, Japan ist ein Inselreich, noch dazu am Rande Asiens gelegen, konfrontiert mit der unvorstellbaren Leere des Pazifiks im Osten, aber dennoch, bei aller Eigenständigkeit, ebensosehr ein Schmelztiegel prähistorischer Kulturen.

Und wo Europa mit dem Bekenntnis Descartes‘ das Ich und die kritische Vernunft ins Zentrum gesetzt hat, da erscheint die Schule des Empfindens, die sich in der japanischen Kultur so vorbildlich ausgeprägt hat, als bedeutsames Komplement. In Japan steht das Ich nicht im Zentrum der Welterfassung, es ist vielmehr Resultat einer Bewegung, die das Subjekt von außen konstruiert, als Resultat gleichsam bestimmter sozialer Funktionen und Handlungen, so jedenfalls die These von Lévi-Strauss. In Japan lernt man, das Außen zu würdigen, man lässt es in sich einströmen, man überlässt sich dem sinnlichen Eindruck. Und diese Haltung einer „beobachtenden Kunst“ (wenn man es so nennen will – der Begriff ist nicht von Lévi-Strauss) manifestiert sich in Kunststilen, bei denen die Beschränkung aufs Wesentliche im Vordergrund steht: die Reinheit der Linienführung in der japanischen Malerei etwa, die Isolierung des einzelnen Tones in der Musik oder die Unvermischtheit und Rohheit der Zutaten in der japanischen Küche.

Auch im Falle der japanischen Eigenart also geht der Blick von Lévi-Strauss über das bewundernde Verharren hinaus: Er fragt unmittelbar, welche Bereicherung eine solche kulturelle Eigentümlichkeit für die Gesamtheit der menschlichen Kultur darstellt. Synthese, oder besser: Integration ist auch hier das leitende Motiv der Argumentation. Und wohlgemerkt: Integration ist nicht etwa, wie uns heutzutage die Idioten glauben machen wollen, ein Unterwerfungsritual, sondern ganz im Gegenteil ein Prozess, der in beide Richtungen wirken muss. Zudem sollte Integration ein Prozess sein, der die jeweilige Leistung einer Kultur als das Besondere, das darin liegt, nicht nur anerkennt, sondern auch unbedingt bewahren will. Das ist nicht nur eine Frage des Respekts.

Im Angesicht eines dem Zerfall entgegentaumelnden Europa und angesichts der unglaublichen Kleingeistigkeit und Provinzialität, die die Grundlage dieser völlig falschen, im Wortsinn: pervertierten politischen Dynamik bilden, wünschte man sich einen modernen Herder oder noch besser einen modernen Rousseau, kraftvoll, sprachmächtig, geistig frei, damit man wieder Luft zum Atmen bekäme.

(Brecht hat irgendwo gesagt: „Wer A sagt, muss keineswegs B sagen. Er könnte auch erkennen, dass A falsch war.“ Man sollte den Briten diese Möglichkeit nicht verwehren…)

 

 

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Autor: docmittelstedt

travelling minds

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