Hiroshima

Was ist das erste, was man tut, wenn man wieder in Berlin ist? Ich fahre zum Zeughauskino. Es läuft ein schon zehn Jahre alter Film mit Helge Schneider: JAZZ CLUB. Durch die Annenstraße kommend geht es mit dem Fahrrad Richtung Breite Straße. Wo man früher noch bis zum Dom schauen konnte, versperrt neuerdings protzend der Rohbau des rekonstruierten Berliner Stadtschlosses die Sicht. Während meiner Abwesenheit hat man die Eisenträger der Schlosskuppel aufgerichtet. In diesem vorläufigen Zustand erinnert der Anblick fatal an die Reste der Kuppel der ehemaligen Ausstellungshalle für Industriegüter der Präfektur Hiroshima, jenes Gebäude, dessen skelettierte Fassade in unserem Gedächtnis unmittelbar und unauflöslich mit dem Bild der Stadt Hiroshima verbunden ist.

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Um die größtmögliche Wirkkraft einer Atombombe zu erreichen, muss die Sprengung ca. 600 Meter über dem Zielort erfolgen. Ein Höhenmesser löst den Zünder, sobald die vorgesehene Höhe über dem Erdboden erreicht ist. Der Zündimpuls bewirkt, dass eine mit Uran-235 gefüllte Kapsel in eine speziell präparierte Kugel geschossen wird, in der sich ebenfalls spaltbares Material befindet. Das Zusammentreffen löst die Kettenreaktion von Kernspaltungen aus, die in Sekundenbruchteilen eine unvorstellbare Menge an Energie freisetzt. In 600 Metern Höhe entsteht ein Feuerball von ca. 180 Metern (!) Durchmesser mit einer Innentemperatur von über einer Million Grad Celsius. Dieser Feuerball ist jener „Glanz von tausend Sonnen“, den Robert Oppenheimer gesehen hatte, als die erste Testbombe in der Wüste von New Mexico gezündet worden war. Völlig sinnentstellend aus Krishnas Monolog in der Bhagavad-Gita zitierend, sah sich Oppenheimer als in den Status der Göttlichkeit entrücktes Wesen, denn durch diesen Glanz von tausend Sonnen war er der Tod selbst geworden, der Zerstörer von Welten.

Feuerball

Das auf den ersten Blick beeindruckendste Exponat im Museum im Friedenspark von Hiroshima ist ein Modell der Stadt, über dem eine rote Kugel an einem Nylonfaden hängt. Diese harmlose Kugel stellt jenen Feuerball von mehreren Hunderttausend Grad Celsius Hitze dar, der in Sekunde 1 nach der Zündung entstand. Es ist, als wäre hier die Zeit angehalten worden. So muss sich Oppenheimer gefühlt haben: gott-ähnlich: eine Art Urknall auslösend: Erschaffer und Zerstörer von Welten. Das also ist die Situation in Minute 1 nach der Zündung der Bombe: Eine gigantische Druckwelle und dann ein riesiger Feuersturm, der alles Leben im Umkreis von 2,5 Kilometern direkt verbrennt und der dafür sorgt, dass noch 10 Kilometer vom Zentrum der Zündung entfernt die Bäume wie aus dem Nichts in Flammen aufgehen. Die biblisch überhöhte Selbststilisierung des Wissenschaftlers ist ein poetischer Deckmantel für den schlichten Tatbestand eines gigantischen Kriegsverbrechens, das die Amerikaner 20 Jahre später in Vietnam und Laos gleich nochmal, wenn auch mit anderen Mitteln, wiederholt haben: Massenmord an Zivilisten im Interesse einer totalen Demoralisierung des Gegners, gegebenenfalls auch durch Völkermord (Stichwort „Bodycount“). Heute bedienen sich Organisationen wie der IS derselben Strategie und plötzlich heißt das Ganze Terror.

Hiroshima war ein Experiment. Offenbar deshalb wurde diese Hafenstadt, die der Hauptverschiffungshafen für die japanische Kriegsflotte gewesen war, so überraschend lange geschont, als die Amerikaner schon längst alle anderen Großstädte Japans mit Bombenteppichen eingedeckt hatten. Was war das Besondere an Hiroshima? Es war eine Stadt auf flachem Grund, der kaum Bodenerhebungen aufwies, relativ kreisförmig in der Anlage. Sorgfältig waren mögliche Ziele für den ersten Einsatz einer Atombombe unter realen Bedingungen geprüft worden. Kyoto hätte sich angeboten, denn auch diese Stadt liegt in einer flachen Ebene, die erst am äußersten Rand durch eine fast kreisförmige Bergkette begrenzt wird. In Japan vermutet man, dass Kyoto als oberstes Ziel auf der Liste möglicher Abwurforte für die Bombe gestanden hat, dass die Amerikaner aber angesichts der strategischen Bedeutung Japans im zukünftigen Kampf gegen den Kommunismus davon absahen, diesen Schlag auf das kulturelle Zentrum des Landes zu führen und damit gleichsam das Herz der japanischen Identität zu treffen. Hiroshima aber bot ebenfalls vergleichsweise ideale Bedingungen und lag zudem auch flugtechnisch noch etwas günstiger. In Nagasaki waren die Verhältnisse übrigens weit weniger ideal: Die Stadt ist von parallel verlaufenden Bergrücken durchzogen, besteht also aus mehreren Tälern, so dass die Wirkkraft der Bombe sich nicht in Zirkelform, sondern eher wie in einer Röhre durch eines dieser Täler ausbreitete.

Atomic Bomb Dome

Atomic Bomb Dome 2

Atomic bomb dome 4

Zurück zur Ausstellungshalle für Industriegüter der Präfektur Hiroshima. Das Gebäude wurde nach Plänen des tschechischen Architekten Jan Letzel erbaut und 1915 fertiggestellt. Man erkennt die zeittypischen Jugendstilelemente in der Fassadengestaltung, wie sie sich in vielen Einkaufspassagen und Konsumtempeln finden, die im frühen 20. Jahrhundert errichtet wurden. Eine Architektur, die bis zu einem gewissen Grad sakrale Formsprache adaptiert, wobei sehr folgerichtig diese Formen aus dem religiösen Kontext in die Welt des Konsums überführt werden. Eine Kuppel, die das Heiligste überwölbt: Die Maschinen als Grundlage der Produktion und damit der Akkumulation von Kapital. Diese Kuppel lag in direkter vertikaler Linie unterhalb des Zündungspunktes der Bombe, jener Blechtonne von der Größe eines gewöhnlichen Sarges. Offenbar hatte diese besondere Lage des Gebäudes im Verhältnis zum Detonationszentrum zur Folge, dass die Halle der Wirkkraft der Bombe, zumindest was die Druckwelle betrifft, nicht in demselben Maße ausgesetzt war wie alle anderen Bauten im Stadtkern von Hiroshima. So blieb das Gebäude relativ unversehrt.

Man hat nach dem Krieg alle Spuren der Vernichtung beseitigt und die Stadt wiederaufgebaut. Lange war es umstritten, ob überhaupt irgendein Gebäude als „Zeuge“ des Ereignisses erhalten werden sollte, aber am Ende entschied man sich, die ehemalige Ausstellungshalle zu erhalten und gegenüber dieser Ruine – sie liegt direkt am Ufer eines der 6 Flussarme des Ota-Flusses, die die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchziehen – einen weitläufigen Friedenspark zu errichten. Das Gebäude wurde also zum „Friedensdom“ umgewidmet – offiziell heißt es heute schlicht „Atombombenkuppel“. Abermals erwiesen sich die architektonischen Anleihen beim Sakralbau als praktisch: Sie erlauben eine zwanglose Resakralisierung des Gebäudes im Geiste einer völlig unpolitisch gedachten „Friedensreligion“, deren Zentrum der Friedenspark von Hiroshima bildet. Ist eigentlich schon einmal bemerkt worden, welch entscheidenden Beitrag Letzels  architektonische Formensprache für die heutigen Signifikanz dieses Monuments leistet? Bereits die Ausstellungshalle sah wie eine Kirche aus, und als zentrales Element eines Gedenkmonuments dient die Kuppel heutigentags der Reauratisierung des Gebäudes. Entsprechend einfach die Assoziation von Stadtschlosskuppel und Atombombenkuppel. Das Stadtschloss ließe sich ebenfalls nahtlos in ein Gedenkmonument umwidmen, man müsste es dazu gar nicht erst fertigbauen.

Atomic Bomb Dome Schild

Bei unserer Ankunft wartet die Stadt aber zunächst mit einer gestalterischen Eigenwilligkeit der besonderen Art auf: Vor dem Bahnhof steht ein chromglänzender Brunnen in Pilzform. In Hiroshima haben die für Kunst im öffentlichen Raum zuständigen Behörden offenbar einen sehr speziellen Sinn für Humor.

Brunnen

Das Wetter war hervorragend, als wir mittags, von Onomichi kommend, Hiroshima erreichten: Südlich-sommerliche Temperaturen und blauer Himmel. Hiroshima ist eine schöne Stadt, nicht so hektisch wie die anderen Metropolen Japans. Sie erinnert an süditalienische Großstädte. Eine fast altertümlich wirkende Tram durchquert auf breiten Boulevards in atemberaubend langsamem Tempo die Stadt.

Hiroshima Tram 2

Bevor wir uns zum Friedenspark aufmachen, führt mich Tatsuma zunächst in eine kleine Kochbude in der Nähe des Bahnhofs, wo es Okonomiyaki zu essen gibt. Okonomiyaki gibt es überall in Japan, aber in Osaka und Hiroshima gilt es als besondere Spezialität. In Hiroshima brät man zunächst eine Art Crêpe und parallel dazu Yakisoba (Nudeln) an, dann werden die Nudeln auf die Teig-Oblate gelegt und darauf kommt ein Spiegelei sowie noch diverse andere Ingredienzien. Schließlich wird alles mit einer Art Bügeleisen (einem runden Eisengewicht) beschwert, um das Ganze in eine relativ flache Pfannkuchenform zu bringen. Der Laden ist eine winzig kleine Baracke mit einer voluminösen Edelstahlplatte, auf der gekocht wird. Man sitzt direkt an der Platte – es gibt nur 10 Plätze – und der Koch, der zugleich Wirt ist, schiebt die jeweils fertigen Okonomiyaki-Fladen einfach zu den Gästen rüber, die den Fladen dann mit Hilfe eines kleinen Schieberchens direkt von der Stahlplatte weg verspeisen. Da frisch zubereitet wird, muss man warten. Dürre alte Männlein schauen gelegentlich unter den Vorhängen am Eingang durch und bestellen schonmal eine halbe Stunde im voraus, damit sie später nicht so lange warten müssen. Alte Männer haben nie Zeit.

Okonomiya 1

Okonomiya

Nach dem Essen fahren wir mit der unendlich langsamen Straßenbahn über Brücken und Straßen Richtung Friedenspark. Dort herrscht großer Betrieb. Die Schulklassen, die ich schon im Toshugu in Nikko und später wieder im Todaiji in Nara getroffen habe, sind nun auch alle am selben Tag wie wir in Hiroshima angekommen. Ich hätte sowieso angenommen, dass eigentlich jeder japanische Schüler einmal im Leben nach Hiroshima verfrachtet wird, aber so ist es offenbar nicht. Tatsuma jedenfalls ist zum ersten Mal hier. Manche Schüler dürfen frei umhersträunen, andere werden gezwungen, sich in Reih und Glied vor dem Monument für die durch die Bombe getöteten Kinder aufzustellen und ein sentimentales Friedenslied zu singen. Sie wirken teilnahmslos. Für die frei umhersträunenden Schüler ist die Friedensglocke die größte Attraktion, die daher im Dauereinsatz ist. Schon von weitem hört man den tiefen Gong-Ton, der im Sekundentakt durch die Anlage dröhnt. Ein an der Glocke angebrachtes Schild bittet darum, das preziose Instrument sanft zu behandeln und den Knüppel nicht mit zu viel Kraft zu betätigen, aber die Kinder halten sich nicht daran, denn dies ist natürlich den größte Spaß: mit aller Gewalt den Klöppel gegen die Glockenwand zu schlagen, so dass der Ton möglichst klangvoll wird. So ist der Park auf seine Weise auch ein fröhlicher Ort, was natürlich unbedingt zu begrüßen ist. Am unteren Rand der Glocke erkenne ich eine Inschrift in Devanagari-Zeichen. Des großen Andrangs wegen bleibt aber keine Zeit, sie näher zu betrachten oder gegebenenfalls abzuzeichnen. Es wird vermutlich ein in Sanskrit geschriebener Text  sein. So erfahre ich nicht, ob die Glocke mit dieser Inschrift eine Art Antwort gibt auf die biblischen Anmaßungen des Herrn Oppenheimer, die sich ja ebenfalls auf einen ursprünglich in Sanskrit verfassten Text bezogen.

Schüler im Friedenspark

Schüler Friedensglocke
Friedensglocke und gelbe Mützen

Anschließend geht es in das von Kenzo Tange, Japans Star-Architekten der 60er und 70er Jahre, im Geiste von Le Corbusier entworfene Friedensmuseum. Es befindet sich am Südende des Parks und hat die Form eines großen flachen Quaders. Schön ist die umständliche Erläuterung, warum das in einer entlegenen Nische des Eingangsbereichs befindliche Trinkwasserbecken kein Wasser liefert:

Out of service

Der Museumsbau ist klug konzipiert, die Ausstellung aber kann ich zunächst schwer einschätzen. Die Konzeption ist vermutlich schon Jahrzehnte alt und wirkt daher, was die Präsentation betrifft, etwas schulmeisterlich und altbacken. Ein meterhoch vergrößertes Foto des Atompilzes empfängt einen am Eingang, bevor es durch mehrere Räume Richtung Ausgang geht, wo ein ebenfalls meterhoch vergrößertes Foto die ersten Gräser zeigt, die unmittelbar nach dem Atomschlag im Bereich des Epizentrums sofort wieder zu wachsen begannen. Angeblich ging es mit dem Wachsen neuen Lebens in der Atomwüste deshalb so schnell, weil jahrhundertelang eingekapselte Planzensamen durch die Hitzewelle plötzlich aus ihre Hüllen befreit wurden und dann sofort zu sprießen begannen. Gleich hinterm Eingang ein in Form eines Dioramas gestaltetes dreidimensionales Bild fliehender Kinder, denen die Haut vom Leib fällt. Es handelt sich um lebensgroße Wachspuppen, die wie Schaufensterpuppen aussehen, in einem theatralischen Schaubild gruppiert, wie man es aus Naturkundemuseen ebenso wie aus Geisterbahnen kennt. Ohne Schockeffekt geht es offenbar nicht. Als zentrale Objekte werden Habseligkeiten von Bombenopfern ausgestellt, die in den Tagen unmittelbar nach dem Atomschlag in der Schutt- und Aschewüste Hiroshimas gefunden wurden. Auratische Objekte, jedes Träger einer eigenen traurigen Geschichte, wie etwa jene aus Aluminium gefertigte Butterbrotdose eines Schulkindes, deren Inhalt zu Kohlenstaub geworden war. Dazu Kleidungsstücke, Taschen usw. Die Ausstellung ist ganz offenkundig auf Kinder als Opfer fokussiert. Kinder und Jugendliche waren in den letzten Tagen des Krieges dazu verpflichtet worden, dabei zu helfen, Schneisen in die Stadt zu schlagen, zum Zwecke der Brandeindämmung bei möglichen Napalmangriffen. Deshalb befanden sich zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs offenbar besonders viele Kinder und Jugendliche im Stadtzentrum. Kinder aber sind auch der kleinste gemeinsame Nenner in Bezug auf die Unschuldigkeit der Opfer. Denn die Erinnerung, die hier zelebriert wird, muss „rein“ sein – die Opfer möglichst schuldlos. Politik wird in dieser Ausstellung energisch ausgeklammert.

Ich frage Tatsuma, was er von der Ausstellung hält – er findet sie gut. Dass jeder politische Kontext fehlt, stört ihn nicht. Und richtigerweise wäre es wohl auch ein Ding der Unmöglichkeit, wollte man an diesem Ort versuchen, die höchst komplizierten Zusammenhänge, die zum Atombombenabwurf führten, zu erläutern. Allerdings bleibt dadurch auch ein unangenehmer Beigeschmack. Dies ist also der Minimalkonsens der Erinnerung: Die armen unschuldigen Kinder. —-

Atombombenmuseum
Friedensmuseum im Friedenspark, eigentlich eher ein „Atombombenmuseum“

In der Markthalle IX in Berlin-Kreuzberg, wo sich unter anderem der ALDI-Supermarkt befindet, in dem ich fast täglich einkaufen gehe, gibt es ein zum kostenlosen Lektüretausch bestimmtes Bücherregal, aus dem man sich Bücher gratis mitnehmen kann. In diesem Regal finde ich kurz nach meiner Rückkehr aus Japan die Taschenbuchausgabe von Robert Jungks STRAHLEN AUS DER ASCHE. Das Buch fällt mir auf, als ich vom Einkaufen komme, weil das Regal direkt gegenüber vom Eingang zu ALDI steht. Es fällt mir aber vor allem deshalb auf, weil exakt dieselbe Ausgabe in einer Vitrine im Atombombenmuseum in Hiroshima lag, in dem Bereich, der sich ausführlich dem Schicksal des Mädchens Sadako Sasaki widmet.

Als Spätfolge der Verstrahlung – sie war zum Zeitpunkt des Bombenaburfs zweieinhalb Jahre alt – erkrankte Sadako im Alter von elf Jahren an Leukämie. Der alten japanischen Tradition zufolge, gemäß derer das Falten von 1000 Papierkranichen die Erfüllung eines Wunsches ermögliche, begann das Mädchen Kraniche zu falten, Ausdruck ihrer Hoffnungen und ihres Überlebenswillens. Das Mädchen starb. Die Geschichte wurde aufgegriffen und zu einem Medienereignis. Neben dem Bild der Atombombenkuppel gehört Sadakos Geschichte heute zu den wesentlichen Bestandteilen der Zeremonialisierung des Erinnerns in Hiroshima – und der gefaltete Kranich ist ihr Emblem. Im Museum sind einige der von Sadako gefalteten Kraniche ausgestellt. Sie sind teilweise mikroskopisch klein, aus hauchdünnem Japanpapier gefertigt. Offenbar suchte Sadako, je länger sie faltete, die Schwierigkeit zu erhöhen und brachte immer delikatere kleine Kunstwerke zustande. Sadakos Wunsch wurde nicht erhört, der Kranich jedoch wurde fortan zum zentralen Symbol des Hiroshima-Marketings und des Hiroshima-Kults. Ich kritisiere das nicht – es ist ein starkes Symbol. Wie die Geschichte Sadakos in die Welt getragen wurde, dokumentiert eine Vitrine, in der diverse Publikationen nicht-japanischer Autoren über Hiroshima präsentiert werden. Darunter das Buch von Jungk.

Nun hat also eine fremde Hand mir dieses Buch vor die Tür von Aldi gelegt. Ich nehme es mit und beginne darin zu lesen. Die Geschichte Sadakos kommt nur ganz am Rande vor – und Jungk erzählt sie auch ganz anders als sie im Museum dargestellt wird. Laut Jungk scheiterte Sadako beim Falten des 644sten Kranichs. Das Museum berichtet hingegen, Sadako habe die Zahl 1000 bei weitem übertroffen und bis zu ihrem Tode immer weiter gefaltet. Natürlich ist der Unterschied völlig unerheblich, die Geschichte braucht angesichts von Sadakos qualvollem Tod keiner weiteren sentimentalen Effekte, etwa des vermeintlichen Scheiterns. Trotz dieser kleinen Ungenauigkeit, die auch dem frühen Datum seiner Publikation geschuldet sein dürfte – das Buch erschien ja schon 1959, also gerade einmal vier Jahre nach Sadakos Tod – erweist sich STRAHLEN AUS DER ASCHE, je länger ich lese, als ein starkes und vor allem sehr gut geschriebenes Buch, eine Art Langzeit-Reportage, basierend auf der erinnernden Rekonstruktionen der damaligen Geschehnisse durch Zeitzeugen, die Jungk in großer Zahl befragt hat. Eine literarische Form, wie sie heute nur noch selten geschrieben wird. Jungk hatte in den 50er Jahren, nachdem er bereits ausführlich über die Entwicklung der Atombombe publiziert hatte, sein Augenmerk auf Hiroshima gelenkt, und als einer der ersten hat er die Zeit NACH dem Bombenabwurf beschrieben. Beim Namen Jungk dachte ich an die frühen 1980er Jahre, an Friedensmärsche und Kirchentage, an Mutlangen und an die spezifisch messianisch geprägten Friedensbotschaften, die man in diesen Jahren verbreitete. Der allgemeine Tonfall der damaligen Friedensbewegung klingt in meiner Erinnerung immer ein wenig unangenehm nach Kirchenkanzel und Katheder – weltfremd und von oben herab gesprochen. Aber Jungk ist gar nicht so. Er erweist sich als freier und gut beobachtender Geist, allerdings mit leichtem Hang zum pathetischen Effekt. Wenn man sich von der nachträglichen Kontextualisierung löst, findet man ein Buch, das sich stellenweise wie ein Roman von Wolfgang Koeppen liest.

Hiroshima

Matsuri Kids in Kimonos

Kimono

Abends gehen Tatsuma und ich in die Stadt, um noch ein Bier zu trinken und etwas zu essen. Sofort fällt die große Zahl kimonotragender Jugendlicher auf. Dass die jungen Leute sich gerne mal festlich kleiden, habe ich schon an den Wochenenden in Kyoto und Tokyo bemerkt, aber hier übersteigt die Zahl die der Gelegenheitskimonoträger aus anderen Städten bei weitem. Hinzu kommt eine auffällige Buntheit der Frisuren, die nicht ganz zur traditionellen Kleidung passen will, denn normalerweise tragen Frauen zum Kimono streng frisiertes und äußerst akkurat hochgestecktes Haar. Hier aber, in downtown Hiroshima dominieren gefärbte Strähnchen, wilde Mähnen, toupiertes, zerzaustes und buntes Haar. Der Grund: Ein Matsuri, ein lokales Schreinfest, und die damit einhergehende Ausgelassenheit. Buden mit Snacks und Süßwaren säumen die Straßen des Viertels, man lärmt und lacht und trinkt und tanzt.

Unvermeidlich überblendet man in der Wahrnehmung Gegenwart und Vergangenheit, wenn man in Hiroshima ist. „Drei Tage lang wurde gesungen, getanzt, getrunken. Es gab Maskenbälle, Umzüge, Feuerwerk. Lärm erfüllte die Straßen von morgens früh bis in die Nacht hinein.“ So beschreibt Robert Jungk in seinem Buch die Feierlichkeiten, die am 6. August 1947, dem zweiten Jahrestag des Atombombenabwurfs, in den Ruinen von Hiroshima stattfanden, und er zitiert aus einem zeitgenössischen Bericht in der Lokalzeitung Chugoku Shinbun: „Um die Mittagszeit waren mindestens fünfmal mehr Menschen auf den Straßen als gewöhnlich. Und die Kaufleute in den Geschäftsstraßen sagten sich:  ‚Jetzt geht’s ans verdienen!‘ Sie hängten Laternen auf mit der Ankündigung: Friedens-Gelegenheitskäufe. Die jungen Verkäufer schwitzten vor Anstrengung und sagten: ‚Wir nehmen dreimal soviel ein als an normalen Tagen…‘ Bis ans Ende dieser Sommernacht wurde getanzt.“

Auf dem Schreingelände stehen ebenfalls Buden, zum Teil werden Omikujis verkauft, zum Teil gibt es Lotterielose zu ziehen, wie auf einem Jahrmarkt üblich, und alle Anwohner des Viertels müssen mindestens einmal am heutigen Tag am Heiligtum vorbeiziehen und sich verneigen. Entsprechend groß ist das Gedränge. Tatsuma möchte unbedingt ein Los kaufen und er gewinnt, zum Preis von 300 Yen (2,50 Euro), eine große Pappschachtel voller Wunderkerzen und Mini-Bengalos, die wir später an einer versteckten Stelle des Ota-Flusses in der Dunkelheit abbrennen, weil wir wohl schlecht mit solchem Feuerwerk in unserer traditionell aus Holz und Strohmatten gebauten Bleibe übernachten können, wo an jeder Ecke ein Feuerlöscher steht.

Matsuri Tanz

Matsuri Lampions 2

 

Matsuri

Losbude

Losbude 2
Losbude
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Autor: docmittelstedt

travelling minds

Ein Gedanke zu „Hiroshima“

  1. Spät wach bin ich heute, durch den ganzen Brexit-Salat aus dem Rhythmus gebracht, und so machte ich mich daran, den Text vom Nollendorfblog, den ich kürzlich übersetzt hatte, auf meinem Blog nebst Einleitung, ein paar Fotos und einem Kommentar zu re-bloggen. Danach entdeckte ich im WordPress Reader Deinen Beitrag und er hat mir sehr, sehr gut gefallen. Mehrmals dachte ich beim Lesen, Mensch, Steffen sollte einen Roman schreiben. (Vielleicht macht er das ja schon.) Ich habe Hiroshima vor 14 Jahren besucht und von all den Erlebnissen in Japan ist mir der Aufenthalt dort sehr in Erinnerung geblieben. So war es schön, Deinen Reisebericht zu lesen und sich daran zu erinnern. Das Museum würde ich nun gerne noch einmal sehen, mit 14 Jahre älteren Augen, aber was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind gar nicht mal so sehr bestimmte Gebäude oder Exponate, obwohl ich mich an das Modell mit der Kugel noch erinnere, sondern die Stimmung. Kinder waren an dem Tag vielleicht sogar auch ein paar da, aber insgesamt war es dort damals so unglaublich friedlich. Morgen guck‘ ich mal in einen alten Karton und schaue, ob ich meine Fotos von damals noch finde. Einige müsste ich noch haben, andere sind sicher verloren gegangen bei so vielen Umzügen. Herzlich willkommen zurück in Berlin, wenn auch aus der Ferne, im sich noch in der EU befindlichen Nordirland, wo es heute zur Abwechslung mal wieder kalt, grau und regnerisch war; Sommer in Belfast eben.

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